Gottes Geist schafft Leben

In den biblischen Bildern wird uns Gottes Geist als Hauch, Atem,

Feuer, Sturm und in Gestalt einer Taube vor Augen geführt. Sie

drücken allesamt etwas Lebendiges aus. Der göttliche Geist ist

demnach eine wahrlich leben stiftende Kraft, die von Gott

ausgeht und den Menschen lebendig machen will. Im Glauben soll

letzterer die Erfahrung machen, dass der göttliche Geist ihn und

sein Leben bewegt und sich auf eine positive Zukunft hin öffnet.

Von Jesus wird gesagt, dass er durch und durch vom Geist Gottes

erfüllt ist: Er ist empfangen durch den Heiligen Geist (Lk 1,35);

der Geist Gottes kommt auf ihn herab (Mt 3,16); der Geist treibt

ihn in die Wüste (Mk 1,12); Jesus verspricht den Seinen den Geist

der Wahrheit (Joh 16,13). Der Heilige Geist ist der Geist des

Vaters, von dem Jesus Christus voll und ganz erfüllt ist.

Der nachösterliche Bericht des Evangelisten Lukas zeigt uns in

der ihm zugeschriebenen Apostelgeschichte auf, wie der göttliche

Geist bei den Jüngern seine Wirkung zeigt und sie neu ins Leben

kommen lässt.

Da gibt es zunächst eine Phase, in der die Jünger ganz auf sich

gestellt sind: nach der Himmelfahrt Jesu und vor dem Kommen

des Heiligen Geistes. In dieser Zeit kehren die Jünger vom Ölberg

nach Jerusalem zurück und gehen in das Obergemach hinauf, „wo

sie nun ständig blieben“. „Sie alle verharrten dort einmütig im

Gebet zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu

und seinen Brüdern“ (vgl. Apg 1,12-14). Sie bleiben hinter

verschlossenen Türen: enttäuscht, ratlos und ängstlich.

Und dann berichtet der Evangelist vom Wirken des Geistes. „Als

der Pfingsttag gekommen war“ (Apg 2,1), bricht der Heilige Geist

herein wie ein Sturm, ein Feuer: Und er bringt neues Leben.

Türen werden aufgestoßen. Alle beginnen öffentlich die Frohe

Botschaft von Jesus zu verkünden. Mit Freimut, Entschlossenheit,

Begeisterung und Überzeugungskraft treten die Jünger auf und

gewinnen Menschen dazu, Jesus Christus nachzufolgen.

Außenstehende schütteln den Kopf und fragen, was wohl in sie

gefahren sein mag, andere sind fasziniert, denn so etwas haben

sie sich in den kühnsten Träumen nicht ausgemalt.

Der Geist öffnet neue Horizonte. Menschen verstehen sich, obwohl

sie verschiedene Sprachen sprechen; Frauen und Männer werden

von Gottes Geist gleichermaßen zum prophetischen Reden begabt,

Junge und Alte schauen weit über den Rand ihrer engen Welt

hinaus und trauen ihren Visionen und Träumen.

In seiner Pfingstpredigt spricht Petrus über dieses Ereignis: „Jetzt

geschieht, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist: … Ich

werde von meinem Geist ausgießen über alles Fleisch. Eure Söhne

und Töchter werden Propheten sein… (Apg 2,16f).

Im Blick auf das damalige Geschehen mag sich manch einer heute

die bange Frage stellen, wo sich in unseren Tagen dieser Geist

zeigt. Die Kirche scheint immer enger und ängstlicher zu werden.

In den Augen mancher Gläubiger erheben kirchliche

„Würdenträger“ eher den Eindruck, als wollten sie den Heiligen

Geist in Verordnungen, Gesetzen und Verboten einsperren wie

einen Vogel im Käfig, als ihn in Freiheit „fliegen“ und „zwitschern“

zu lassen.

Viele dieser Fragen sind sicherlich berechtigt. Trotzdem lässt sich

der Heilige Geist nicht einsperren und in die Verfügungsgewalt von

Menschen stellen. Vielleicht müssen wir nur anders hinschauen,

um das Wirken Gottes in dieser Welt und in uns selbst zu

entdecken und neu zu sehen:

In Menschen, die offen sind füreinander, die einander zuhören, die

Vorurteile überwinden, in Menschen, denen es gelingt, ungute

Gewohnheiten zu ändern, Mut für das Gute zu haben, die Liebe zu

Gottes Wort zu finden.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien immer wieder solche

Entdeckungen des Geistes.

Ihr

Martin Garmaier, Pfarrer

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